Godwin - 2014 - 01

Godwin, J. C., J. E. Lovich, J. R. Ennen, B. R. Kreiser, B. Folt & C. Lechowicz (2014): Hybridization of Two Megacephalic Map Turtles (Testudines: Emydidae: Graptemys) in the Choctawhatchee River Drainage of Alabama and Florida. – Copeia 2014(4): 725-742.

Die Hybridisierung von zwei großköpfigen Landkartenschildkrötenspezies (Testudines: Emydidae: Graptemys) im Choctawhatchee-Flusssystem von Alabama und Florida.

DOI: 10.1643/CH-13-132 ➚

Landkartenschildkröten der Gattung Graptemys leben sehr aquatisch und unternehmen äußerst selten Wanderungen an Land und zeigen eine geringe Ausbreitungstendenz innerhalb ihres Flussarms. Dies führte zur Hypothese, dass dieses Verhalten zu einem flussarm- bzw. flussabschnittsspezifischen Endemismus beiträgt, der den hohen Artenreichtum innerhalb dieser Gruppe in den südöstlichen USA erklärt. Erst kürzlich wurden zwei Mitglieder aus der großköpfigen „Pulchra-Klade“ Graptemys barbouri und Graptemys ernsti als vermutlich allopatrisch beschrieben, wobei zwischen beiden eine Verbreitungslücke in ihrem Verbreitungsgebiet innerhalb des Choctawhatchee-Flusssystems klafft. In dieser Arbeit analysierten wir deren morphologische Unterschiede (Kopf- und Panzerzeichnung) und deren Genetik (mitochondriale DNS und Mikrosatellitenloci) von G. barbouri, G. ernsti und Graptemys sp., die im Choctawhatchee-Flusssystem gesammelt worden waren, und wir konnten zeigen, dass diese Arten syntop vorkommen und dass es zurückgekreuzte Individuen mit unterschiedlichster Abstammung im Choctawhatchee-Flusssystem gibt. Unsere Ergebnisse liefern ein erstes Gegenbeispiel zu dem ansonsten propagierten Flussarm-spezifischen Endemismus bei diesen großköpfigen Landkartenschildkröten. Geologische Veränderungen, die während des Pliozäns und Pleistozäns zu Veränderungen des Meeresspiegels führten und auch Veränderungen in den damaligen (Paleo-) Flusssytemen nach sich zogen, sind wohl dafür verantwortlich, dass diese Arten (invasiv) in das Choctawhatcheesystem einwandern konnten. Die hier in dieser Arbeit festgestellte Introgression (Hybridisierung) erfolgte also, bevor der Mensch potentiell durch das Einbringen von fremden Spezies dazu beitragen konnte.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Auch hier wieder ein Beispiel dafür, wie die Evolution verläuft und sich Arten, die sich sehr wahrscheinlich vor dem Plio- und Pleistozän getrennt hatten, und sich im Choctawhatchee-Flusssystem wieder vermischten, nachdem die trennenden Barrieren weggefallen waren. Es spricht auch nichts dagegen, dass sie sich nicht nur vermischten, sondern nun im Begriff sind, sich wieder innerhalb dieses Flusssystems aufzuspalten und unterschiedliche ökologische Nischen zu nutzen (siehe auch Kommentar zu Hennessy 2015). Vielleicht ist es ja unser Fehler, dass wir Phylogenese (Abstammung) als Stammbaum ansehen und dabei ein Bild mit einem Stamm im Kopf haben, von dem viele sich immer feiner verzweigende Äste abgehen. Vielleicht wäre das Bild eines Genflusses das wesentlich bessere Bild, weil wir eben wissen, dass Flusssysteme zwar auch meist einen Hauptfluss haben, der sich aber zumindest im Tiefland und im Bereich des Deltas stark verzweigt, aber es auch Seitenarme gibt, die sich wieder vereinen oder gar im Rhythmus der Trocken- und Regenzeiten zwischen Separation und Vereinigung hin und her pendeln. Ja, die Lebewesen selbst im Sinne von surfenden Genen (siehe Gracia et al. 2013) deuten an, dass sowohl ein Rückzug während der Kaltzeiten genauso wie die Expansion während der Warmzeiten dazu führen können, dass sich Arten aufspalten und trennen und nach unterschiedlich langen Zeiträumen wieder vereinigen. Selbst die in der Arbeit von Garrick et al. (2014) vermuteten schweren El Nino Ereignisse, die so stark sein sollen, dass es dazu kommen kann, dass Galapagos-Riesenschildkröten von einer Insel auf die andere gespült (verdriftet) werden, scheinen ja nur im Abstand von sechs- oder siebenstelligen Jahreszahlen zu erfolgen, wie die wiederholten Besiedlungsereignisse nahe legen. Wir sollten begreifen, dass Evolution und Biodiversität, die wir heute erleben, durch diese Ereignisse geprägt wurden, die Frage die sich stellt: Tun wir das Richtige, wenn wir in einer vielleicht missverstanden Art und Weise der Erhaltungsbiologie versuchen, sie auf dem heutigen Stand fest zu zementieren? An den Schildkröten im oben beschriebenen Beispiel hatten sich die Ureinwohner und Vorfahren dieser Wissenschaftler auch so erfreut, die Namen „barbouri“ bzw. „ernsti“ hatten wir ihnen abstrakter Weise zugewiesen also was bitte schön hat die Erkenntnis, dass sie vielleicht Graptemys sp. mit divergierender Morphologie und Genetik sind, daran geändert? Ich denke nicht viel, mit dem Unterschied, dass sie uns klarmachen, dass dieses wie es von Emerson & Faria (2014) angenommene Phänomen von Trennung und Fusion eben kein Charakteristikum der Fauna und Flora von Inseln ist, sondern wahrscheinlich ein im Langzeitverlauf der Evolution weit verbreitetes Phänomen mit einer gewissen Allgemeingültigkeit darstellt, dass wohl schon seit Anbeginn der Evolution besteht (siehe den Kommentar zu Hennesy 2015).

Literatur

Emerson, B. C. & C. M. A. Faria (2014): Fission and fusion in island taxa – serendipity, or something to be expected? – Molecular Ecology 23(21): 5132-5134 oder Abstract-Archiv.

Garrick, R. C., E. Benavides, M. A. Russello, C. Hyseni, D. L. Edwards, J. P. Gibbs, W. Tapia, C. Ciofi & A. Caccone (2014): Lineage fusion in Galápagos giant tortoises. – Molecular Ecology 23(21): 5276-5290 oder Abstract-Archiv.

Graciá, E., F. Botella, J. D. Anadón, P. Edelaar, D. J. Harris & A. Giménez (2013): Surfing in tortoises? Empirical signs of genetic structuring owing to range expansion. – Biological Letters 9(3): 20121091 oder Abstract-Archiv.

Hennessy, E. (2015): The Molecular Turn in Conservation: Genetics, Pristine Nature, and the Rediscovery of an Extinct Species of Galapagos Giant Tortoise. – Annals of the Association of American Geographers 105(1): 87-104 oder Abstract-Archiv.