Bouma - 2020 - 01

Bouma, A., G. Kuchling, S. Y. Zhai & N. Mitchell (2020): Assisted colonisation trials for the western swamp turtle show that juveniles can grow in cooler and wetter climates. – Endangered Species Research 43: 75-88.

Unterstützte Besiedlungsversuche für die Falsche Spitzkopfschildkröte zeigen, dass die Jungtiere auch in kühleren und feuchteren Klima gedeihen.

DOI: 10.3354/esr01053 ➚

Arten mit begrenzten Verbreitungsgebieten und mit langen Generationszeiten sind anfällig für Klimaveränderungen, da sie nur wenige Möglichkeiten haben sich auszubreiten und an die neuen Bedingungen anzupassen. Australiens seltenstes Reptil die Falsche Spitzkopfschildkröte, Pseudemydura umbrina, überlebt auf natürliche Weise nur noch in einem saisonal geprägten Sumpfgebiet, welches nur während des australischen Winters und Frühjahrs Wasser aufweist. Eine spürbare Reduktion der Winterregenfälle während des vergangenen Jahrzehnts führte zur Verkürzung der wasserführenden Periode, was die Zeit zu der die Schildkröten Futter aufnehmen, wachsen und sich vermehren können zunehmend einschränkt. Um den vermuteten zukünftigen, Verlust der Reproduktionskapazität im natürlichen Habitat abzumildern wurde ein Umsiedlungsversuch in 2016 eingeleitet bei dem 35 in Gefangenschaft nachgezogene Jungtiere neu angesiedelt wurden. Hier berichten wir über den Verlauf dieses sechsmonatigen Versuchs bei dem das Wachstum von Schildkröten die ungefähr 300 km südlich von ihrem natürlichen Vorkommensgebiet angesiedelt wurden mit dem Wachstum von Schildkröten verglichen wurde die in einem bereits bestehenden nördlichen Umsiedlungsgebiet lebten. Wir konnten damit zeigen, dass dort im Süden vergleichbare Zuwachsraten erreicht wurden wie in dem wärmeren nördlichen Umsiedlungsgebiet und zwar selbst während des untypischerweise kühlen Frühjahrs 2016. Die Mikroklimate die P. umbrina in 2 südlich gelegenen Ansiedlungsorten zur Verfügung stehen boten gute Ernährungs- und Wachstumsbedingungen während des späten Frühjahrs und Frühsommers, aber an einer der beiden südlichen Lokalitäten war das Wachstum signifikant besser als an der anderen. Das lag wahrscheinlich daran, dass die Biomasse der Beutetiere zu den Zeiten zu denen die Wassertemperaturen die Suche nach Futter ermöglichten höher lag. Diese anfänglichen Ergebnisse lassen vermuten, dass die Ansiedlung von P. umbrina in saisonalen Feuchtgebieten die nahe der Südküste in Westaustralien liegen in naher Zukunft in Erwägung gezogen werden kann, aber weitere Versuche dazu sind angebracht, um das Wachstum und die Überlebensraten über längere Zeiträume zu erfassen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Nun hier wird zumindest schon damit begonnen Arterhaltung zu Zeiten des globalen Klimawandels praktisch umzusetzen. Wie sich das langfristig auswirken wird bleibt fraglich, denn diese Schildkrötenspezies unterliegt sicher einem ausgeprägten genetischen Flaschenhals, da ja in früheren Jahren die Populationsgröße schon sehr gering war (siehe Kuchling 2006). Dennoch sollte man die Hoffnung nicht ganz aufgeben, denn Inseln wurden ja zu Beginn auch meist nur von wenigen Gründerindividuen besiedelt und vielleicht ist ja sogar die Umsiedlung dabei behilflich, denn sie bietet ja theoretisch nicht nur die Chance für ein Überleben der Art, sondern mag auch dazu beitragen, dass sich neue Lokalpopulationen im Sinne von (Rassen oder Unterarten) herausdifferenzieren die sich vielleicht auch später einmal weiterdifferenzieren. Denn wenn uns Umweltanpassung (Adaptation) und Evolution eines gelehrt haben - so ist es doch das, dass alles Überleben von einem ständigen Wandel abzuhängen scheint. Siehe dazu auch z. B. Lovich et al., (2017) und Thomson et al., (2021) sowie die dortigen Kommentare.

Literatur

Kuchling, G. (2006): An ecophysiological approach to captive breeding of the swamp turtle Pseudemydura umbrina. In: Artner, H., Farkas, B. & V. Loehr (Eds.); Turtles: Proceedings of the International Turtle & tortoise Symposium, Vienna 2002. – Edition Chimaira 196-225 oder Abstract-Archiv.

Lovich, J. E., M. Quillman, B. Zitt, A. Schroeder, D. E. Green, C. Yackulic, P. Gibbons & E. Goode (2017): The effects of drought and fire in the extirpation of an abundant semi-aquatic turtle from a lacustrine environment in the southwestern USA. – Knowledge and Management of Aquatic Ecosystems 418(18): 1-11 oder Abstract-Archiv.

Thomson, R. C., P. Q. Spinks & H. B. Shaffer (2021): A global phylogeny of turtles reveals a burst of climate-associated diversification on continental margins. – Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 118(7): e2012215118 oder Abstract-Archiv.